Verkehrsunfall - bedeutet Auffahren immer Alleinverschulden oder doch nicht?

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02.04.2017 23:15 Uhr
(Letzte Überarbeitung: 12.11.2017 22:58 Uhr)
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Verkehrsunfall - bedeutet Auffahren immer Alleinverschulden oder doch nicht?

Verkehrsunfall - Auffahrunfall

Hier wird vom gegnerischen Haftpflichtversicher, Polizei oder den Geschädigten selbst oft pauschal behauptet, dass der der auffährt, Schuld ist. Der andere bekommt also seine Schäden voll ersetzt bzw. der Auffahrende seine etwaig geltend gemachten Ansprüche abgelehnt.

Stimmt dies so?

Nein.

Richtig ist, dass es einen Anscheinsbeweis dafür gibt, dass bei einem Verkehrsunfall typischerweise der Auffahrende Schuld ist, sei es, dass er z.B. unaufmerksam war, zu geringen Abstand einhielt oder zu spät bremste.

Dieser Anscheinsbeweis kann aber erschüttert werden.

Hierzu muss der Anwalt des Auffahrenden mit diesem zusammen prüfen, ob hier Ausnahmen vorliegen bzw. eine Konstellation vorliegt, die eben nicht typisch ist bzw. den Anscheinsbeweis erschüttern kann. Es ist die Ermittlungsakte zum Unfall einzusehen, Zeugen zu befragen und der Sachverhalt zu untersuchen, ggf. mit technischer Unterstützung. Oft ist dies eben nur mit Sachverständigengutachten möglich.

Hier ein Beispiel:

Das OLG Brandenburg hatte in seiner Entscheidung vom 14.07.2016 einen Auffahrunfall auf einer Autobahn zu entscheiden. Ein LKW war auf einen vorausfahrenden PKW aufgefahren. Hier war zwischen beiden Unfallbeteiligten strittig, ob der PKW vorher nicht die Spur gewechselt und ohne triftigen Grund stark abgebremst hatte.

Im Ergebnis der Beweisaufnahme war nicht aufklärbar, ob es den Spurwechsel wirklich gegeben hatte. Dies ging zu Lasten des Auffahrenden bzw. konnte er diese ihm günstige Tatsache nicht beweisen. Der Gutachter bestätigte aber eine sehr geringe Geschwindigkeit des vorausfahrenden PKW - hier nur 38 km/h - auf einer Autobahn!

Die Geschwindigkeiten auf einen Autobahn sind üblicherweise deutlich höher, meist ab 100 km/h, LKW regelmäßig 80-90 km/h. Mit 38 km/h rechnet normalerweise niemand. Einen Stau oder zähflüssigen Verkehr gab es zum Unfallzeitpunkt nicht. Die BAB war grundsätzlich frei. Warum er so langsam fuhr, konnte der vorausfahrende PKW nicht wirklich erklären bzw. auch nicht nachweisen.

"Wenn der Kläger in dem Zeitraum unmittelbar vor der Kollision mit einer so niedrigen Geschwindigkeit fuhr, wie sie auf Autobahnen nur selten anzutreffen ist, war er zu einer besonderen Aufmerksamkeit gegenüber den übrigen, mit deutlich höheren Geschwindigkeiten fahrenden Verkehrsteilnehmern verplichtet. Ein Verkehrsteilnehmer, der durch seine Fahrweise oder sein Fahrzeug eine besondere Gefahrenlage für andere Verkehrsteilnehmer herbeiführt, ist gehalten, dieser Gefährdung durch entsprechende Vorkehrungen entgegenzuwirken.
Mit einer solch niedrigen Geschwindigkeit konnten die nachfolgenden Kraftfahrer nicht rechnen. Die Autobahn dient dem Schnellverkehr. Es ist zwar generell zulässig, die in § Ÿ18 Abs. 1 StVO für die Benutzung der Autobahn vorgesehene bauartbedingte Mindestgeschwindigkeit von 60 km/h zu unterschreiten, soweit dies nicht zu Behinderungen anderer Verkehrsteilnehmer führt. Jedoch können die Benutzer der Autobahn nicht ohne weiteres damit rechnen, dass andere Autobahnbenutzer diese Mindestgeschwindigkeit grundlos noch erheblich unterschreiten. Der Kläger hätte deshalb in diesem Fall damit rechnen müssen, dass nachfolgende Verkehrsteilnehmer aus diesem Grund seine Fahrgeschwindigkeit und den hiernach einzuhaltenden Sicherheitsabstand unterschätzen könnten und dadurch die Gefahr des Auffahrens geschaen wurde .... "

Im konkreten Fall wurde daher dem Auffahrenden nur eine Teilschuld von 50 % zugesprochen, der vorausfahrende PKW haftet ebenfalls mit 50 %. Die genaue Prüfung des Sachverhaltes hatte sich also gelohnt.

Fazit:
Wer zu langsam fährt, lebt auch gefährlich und kann an einem Unfall (mit) schuld sein.

Rechtsanwältin Sergon
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Rechtsgebiete: 
Straßenverkehrsrecht
Schadenersatz
Unfallregulierung
Schlagworte: 
Verkehrsunfall
Schadenersatz Unfall
Auffahren
Fachanwalt Verkehrsrecht Cottbus
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